Doppelbilder · Schwindel · Augen­untersuchung

Was die Winkelfehl­sichtigkeit wirklich ist – und was nicht.

Eine ruhige Einführung in einen oft missverstandenen Begriff. Mit Abgrenzung zu anderen Erkrankungen, einem Überblick zur Diagnostik und einem Fragebogen zur Vorbereitung des Termins.

i.

Was bedeutet „Winkelfehl­sichtigkeit"?

Der Begriff klingt nach einer eigenständigen Krankheit – ist es medizinisch aber nicht. Er stammt aus der Optometrie, nicht aus der Augenheilkunde, und beschreibt eine ganz bestimmte Annahme über das Sehen.

Begriff

Winkelfehl­sichtigkeit

Bezeichnet eine angenommene leichte Fehlstellung der Augenachsen, bei der die beiden Augen in Ruhestellung minimal voneinander abweichen. Diese Abweichung soll – so die Annahme – durch ständige unbewusste Korrektur Beschwerden auslösen. Geprägt wurde der Begriff in den 1950er‑Jahren von Hans‑Joachim Haase und ist eng mit der sogenannten MKH‑Methode (Mess‑ und Korrektionsmethodik nach Haase) verbunden.

In der wissenschaftlichen Augenheilkunde wird das Phänomen, das gemeint ist, anders genannt: Heterophorie oder latentes Schielen. Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Begriff selbst, sondern in den Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden – dazu gleich mehr im Abschnitt zu Missverständnissen.

Welche Beschwerden werden zugeordnet?

Die Symptome, die mit einer Winkelfehl­sichtigkeit / Heterophorie in Verbindung gebracht werden, sind unspezifisch – das heißt: Sie können viele andere Ursachen haben. Typischerweise berichten Betroffene über:

Doppelbildermeist intermittierend, nicht ständig
Verschwommenes Sehenbesonders bei Müdigkeit oder am Abend
Kopfschmerzenoft im Stirn‑/Schläfenbereich
Schwindel und Unsicherheitmanchmal beim Lesen oder im Verkehr
Augendruck, BrennenGefühl überanstrengter Augen
Konzentrations­problemevor allem beim Lesen
LichtempfindlichkeitBlendung wirkt stärker als sonst
Nackenverspannungendurch unbewusste Kopfhaltung

Wichtig: Eine kleine latente Fehlstellung ist bei den meisten Menschen normal vorhanden und macht keine Beschwerden. Erst wenn das Gleichgewicht zwischen den Augen aus irgendeinem Grund nicht mehr ausreicht – Augenheilkundler nennen das „dekompensiert" – können Symptome entstehen.

ii.

Typische Missverständnisse – und Abgrenzung.

Um den Begriff Winkelfehl­sichtigkeit hat sich eine Reihe von Vorstellungen entwickelt, die nicht immer mit dem Stand der Wissenschaft übereinstimmen. Genauso wichtig ist die Abgrenzung gegen ernsthafte Erkrankungen, die ähnliche Symptome machen.

Häufige Missverständnisse

Winkelfehl­sichtigkeit ist eine eigene Krankheit.
Tatsächlich: Es handelt sich um einen optometrischen Erklärungs­ansatz, nicht um eine medizinische Diagnose. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) hat sich in mehreren Stellungnahmen kritisch zur breiten Anwendung der MKH‑Methode geäußert.
Wer Doppelbilder hat, hat eine Winkelfehl­sichtigkeit.
Tatsächlich: Doppelbilder können Dutzende Ursachen haben – vom beginnenden Grauen Star über trockene Augen bis hin zu Hirnnerven­problemen. Eine vorschnelle Zuordnung kann ernsthafte Erkrankungen übersehen.
Eine Prismenbrille kann das Problem dauerhaft lösen.
Tatsächlich: Bei eindeutigen Befunden können Prismengläser sehr hilfreich sein. Die Evidenz für eine breite, dauerhafte Versorgung allein nach MKH ist aber begrenzt. Empfohlen wird, vor einer dauerhaften Brille zunächst mit einer abnehmbaren Fresnel‑Prismen­folie zu testen.
Wenn der Optiker eine Fehlstellung misst, muss sie auch korrigiert werden.
Tatsächlich: Kleine messbare Abweichungen sind häufig und meist symptomlos. Behandlungs­bedürftig wird ein Befund erst, wenn er echte Beschwerden verursacht und andere Ursachen ausgeschlossen sind.

Abgrenzung: Was es auch sein kann

Genau hier liegt der wichtigste Punkt – besonders bei älteren Menschen. Die folgenden Erkrankungen können sehr ähnliche Beschwerden machen und müssen vor einer optometrischen Versorgung sicher ausgeschlossen sein:

Grauer Star (Katarakt)
Häufigste Ursache für Doppelbilder im Alter, oft auch monokular. Verursacht zusätzlich eine zunehmende Sehverschlechterung und Blendempfindlichkeit.
Trockenes Auge
Kann verschwommenes Sehen, Schmerzen und scheinbare Doppelbilder verursachen. Sehr häufig, aber leicht behandelbar.
Makuladegeneration
Erkrankung der Netzhaut­mitte, die zu verzerrtem Sehen führen kann. Im Alter häufig – wird mit speziellen Tests erkannt.
Hirnnerven­paresen (III, IV, VI)
Lähmungen einzelner Augenmuskeln durch Diabetes, Bluthochdruck oder Durchblutungs­störungen. Doppelbilder treten meist plötzlich auf.
Myasthenia gravis
Muskelschwäche­erkrankung mit klassisch tagesabhängigen, fluktuierenden Doppelbildern. Oft abends schlimmer, manchmal mit hängendem Augenlid.
Riesenzell­arteriitis
Entzündliche Gefäßerkrankung ab dem 50. Lebensjahr. Notfall – Erblindungs­gefahr. Hinweise: Kopfschmerzen an der Schläfe, Kauschmerz, Gewichtsverlust.
Vertebro­basiläre Durch­blutungs­störung
Hirnstamm­durch­blutung gestört. Klassisches Bild im Alter: Doppelbilder + Schwindel gleichzeitig. Kann Vorbote eines Schlaganfalls sein.
Vestibuläre Störungen
Erkrankungen des Gleichgewichtssinns (z. B. gutartiger Lagerungsschwindel) – verursachen Schwindel, der mit Sehstörungen verwechselt werden kann.
Medikamenten­wirkung
Beruhigungs­mittel, bestimmte Schmerzmittel und Antiepileptika können Doppelbilder oder Schwindel auslösen oder verstärken.
Wichtig zu wissen

Wann sofort ärztliche Hilfe nötig ist

Bei diesen Zeichen nicht warten – Notaufnahme oder 112:

  • Plötzlich neue Doppelbilder
  • Hängendes Augenlid
  • Sprachstörung
  • Schwäche oder Taubheit
  • Heftiger neuer Kopfschmerz
  • Druckempfindliche Schläfe + Kauschmerz
  • Plötzliche Gangunsicherheit
  • Gesichtsfeldausfall
  • Sehverlust eines Auges
  • Doppelbilder + Schwindel gemeinsam neu
iii.

Wie eine seriöse Diagnostik aussieht.

Ein guter Untersuchungs­gang folgt einer klaren Reihenfolge: Erst werden ernsthafte Ursachen ausgeschlossen, dann wird das binokulare Sehen geprüft, dann erst – wenn nötig – behandelt.

Erster Schritt: Welche Art Doppelbild?

Diese Frage lässt sich auch zu Hause vorbereiten. Wenn das Doppelbild auftritt, jeweils ein Auge zuhalten und beobachten, was passiert:

— eines —

Verschwindet beim Zuhalten

Das Doppelbild ist binokular. Die Ursache liegt in der Zusammenarbeit beider Augen.

  • Heterophorie
  • Augenmuskelstörung
  • Hirnnervenproblem
  • neurologische Ursache
— bleibt —

Bleibt mit einem Auge

Das Doppelbild ist monokular. Die Ursache liegt im Auge selbst.

  • Grauer Star
  • Hornhaut­veränderung
  • Trockenes Auge
  • Netzhaut/Makula­problem

Zweiter Schritt: Die ärztliche Untersuchung

Anamnese und Vorgeschichte

Genaue Beschreibung der Beschwerden, Vorerkrankungen, Medikamente. Hier hilft der Fragebogen weiter unten.

Sehschärfe und Refraktion

Prüfung der Brechkraft beider Augen mit und ohne Brille – manchmal löst eine korrekt angepasste Brille schon einen Großteil der Beschwerden.

Spaltlampe und Augenhintergrund

Untersuchung von Hornhaut, Linse, Glaskörper, Netzhaut und Makula – um Grauen Star, Makulaprobleme oder Netzhaut­erkrankungen auszuschließen.

Motilitäts­prüfung

Beweglichkeit der Augenmuskeln in alle Blickrichtungen – um Hirnnerven­ausfälle zu erkennen.

Orthoptische Untersuchung

Idealerweise in einer Sehschule: Cover‑Test, Prismencover‑Test, Vergenz und Stereosehen. Das ist die eigentliche Prüfung des binokularen Sehens.

Bei unklarem Befund: Blutwerte / Bildgebung

BSG und CRP zum Ausschluss einer Riesenzell­arteriitis. Bei neurologischem Verdacht: Konsil und ggf. MRT.

Reversibler Test mit Fresnel‑Folie

Wenn eine binokulare Störung gefunden wird: Bevor eine teure Prismenbrille gefertigt wird, zunächst einige Wochen mit einer abnehmbaren Folie testen, ob die Beschwerden tatsächlich zurückgehen.

Wo das gemacht wird

Wichtig ist eine Praxis mit eigener Sehschule / Orthoptik oder zumindest enger Zusammen­arbeit mit einer solchen. Bei Verdacht auf eine neurologische Ursache ist eine neuroophthalmologische Sprechstunde an einer Klinik die richtige Adresse.

Bei großer Arztangst lohnt es sich, das beim ersten Anruf direkt anzusprechen und um eine ruhige Erstunter­suchung mit ausreichend Zeit zu bitten. Eine Begleitperson ist immer eine gute Idee.

iv.

Fragebogen zur Vorbereitung.

So funktioniert es: Die Antworten werden während des Ausfüllens automatisch im Browser zwischengespeichert – Du kannst also pausieren und später weitermachen. Mit „Per Mail versenden" werden die Angaben per Mail an mich übermittelt (das funktioniert aber gerade nicht :D). Mit „Als Datei sichern" kannst Du alternativ eine eigene Kopie als Datei herunterladen.
Antworten werden automatisch lokal gespeichert
1 · Persönliches
Für Weiterleitung an den Arzt.
2 · Die Doppelbilder
Auch „weiß ich nicht" ist eine gute Antwort.
3 · Der Ein‑Auge‑Test
Ein Auge zuhalten, dann das andere – was passiert?
4 · Der Schwindel
5 · Auslöser & Verstärker
6 · Warnzeichen
Bitte ehrlich – auch wenn es nur einmal kurz war.
7 · Augen‑Vorgeschichte
8 · Allgemeine Gesundheit
9 · Was beim Termin wichtig ist